C- "Aus 20 Jahren Zeitglas"

Extra-Ausgabe "Aus 20 Jahren Zeitglas"



 

 

 "Aus 20 Jahren Zeitglas"

ZeitglasVerlag, 2017., 100 s.

 

Aus 20 Jahren Zeitglas
- “ *Zeitglas”.
. . “ *Zeitglas”, 2017.-100.
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Autoren:

 

Apalkow Alexander "Jannett  aus  Scharm - Eil - Scheich"

Baganz Arne-Wigand  "Ukraina"

Belous Viktor "Der alte Kuehlschrank"

Benedyschyn Luebow "Taras  Schewtschenko"

Bogoslawskij Mark "Ode an die Zeitschrift „ZeitGlas“

Bruslinovsky Jevhen  "AN ERDE WERDE ICH MICH SATT ESSEN..."

Bruslynovsky Evhen "BLACK BOX"

Chomutina Helga "Das  Weihnachtsgeschenk"

Danyluk Natalija "Bei  meiner  Mutter"

Dolennik Inna "Dankbarkeit"

Grigorjewa Olesja "Den  Dichtern ..."

Hartschenko Inna "Herbstblätter  im  Hochmai"

Korez Nina "So etwas hat man noch nie gesehen"

Koslowska Chrystyna "Ein Märchen über  einen Maulwurf"

Kreminska Oxana "Geburtsstunde  eines  Buches"

Lazo Sergij "Regen  unter  Bäumen"

Lewtschenko Sergij "Poesie  für  Ani"

Malasch Olexandra "Den Akzent"

Matusok Lubow  "Der  Bücherschrank" 

Moschna Alexander  "Du weißt es selbst nicht..."

Netschytajlo Mychajlo "Ich male das Dasein"

Ogurzowa Lidija "DICHTER"

Ostroluzka Antonina "Ich erinnere mich an die Wörter"

Petrenko "Der zwillinge von tschernobyl"

Petrenko Mykola "Die  Wahl"

Petryischyn Jaroslaw "Tarasyk"

Protzenko Nikolaj "Der  Anfang des Krieges in Priwaba"

Puschenko Natalija "EIGENE  GEDANKEN"

Rose Felix Werner "UKRAINE WAS IST DAS?" 

Saslawskaja Elena  "EPIZENTRUM"

Schelnberger  Carln "Von den wilden voegeln"

Schelnberger Carl  "Von Westen her betrachtet"

Sobolew Michail "Phase"

Towberg Alexander "Sein «Ich»selber sein"

Tschischibabin Boris  "Es  leben ruhig Tag und Nächte"

Uchow Wasil "Zur  NATO, meine Herren, – zur NATO!"

Ullmann Guenter "GEDICHTE"

Urin Viktor  "GELD"

Utki-Otki Wladimir "Die  Bibliothek"

Wakulenko-K. Wolodymyr "Fatum - Moran"

Welzel Manfred "Die  Bedeutung  der  Literatur"

Wilenskaja Natalija "Sonnenmantel"

Wlaschik Valerija "Der Stadtrand"

Zaliznjak Switlana-Maja "Planet  der  Menschen"

 

 

Zeichnungen von:

 

W. Tarasenko (Umschlag) 

W. Bondar.
M. Bluemel.
M. Kupkina
A. Awdeew
E. Drobyschewa.
O. Bilyk.
N. Lisowa.
H. Osadko.
O. Loburak.

V. Kornienko.

 

- "Aus 20 Jahren Zeitglas" ( - " *Zeitglas" ) ͳ, , ˳. . , , . , . IJ . , , , ... , - ... - , . , !
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Fragmente:

 

Sehr geehrte Leserschaft!

Unsere Ziel ist das Beitragen zum Aufbau der geistigen Bruecken zwischen den Ukraine, Russland und Deutschland. Darum unsere Zeitschrift ist dreisprachig.
Wir hoffen, da Sie uns verstehen. Und wir bemuehen uns “Skljanka Tschasu*Zeitglas” als eine inhaltsreiche, interessante, aktuelle Zeitschrift bereiten, die auch auf ewige Humanitatt-Werten
sich orientirt.
Wir bedanken uns herzlich bei allen Menschen, die uns moralisch und finanziel unterstuetz haben und weiter unterstuetzen.


Die Wege... 
In der Weg-Gestalt und dem Weg-Simbol gibt es etwas, was unsere Enbildungskraft in Unruhe versetzt. Auch wenn du genau weisst, welchen Weg, und zu welchem Ziel du gehen sollst, die Horizontlinie wirkt mit magischer Kraft auf dich. Was ist jenseits dieser Linie?

Die Wege...
Mein Lebensband. Hineinschauen!
Wege des Geistes, die die Wahrheit suchen. Verwirrte, blutige Wege des Fortschritts. Historische Wege der Nation.
Und berall Fragen, Fragen, Fragen.
Und in erster Linie folgende Frage: wer sucht wen aus? Wir den Weg, oder der Weg uns?
Als wir noch am Scheideweg standen, schien es uns, daSS wir die Herren unserer Auswahl seien. Aber, inzwischen; ob die Wege uns selbst verfhren uns nicht? Fren sie uns nicht in Versuchung? Sollen wir die Enladung annehmen?
Ein Weg verspricht uns den krzeste Strecke. Ein zweiter verheisst schne Landschaften. Der dritte lockt mit seiner Ordentlichkeit. Ein vierter mit Geradlinigkeit. Ein weiterer, weil er den Berg hinunter fhrt...
Der sechste Weg... dagegen, schreckt durch seinen Steilhang ab.
Nur spter, wenn wird zu spt zurckkehren, erkennen wir, ob der Weg so kurz ist, wie wir zuerst gedacht haben, mglicherweise ist der lngste...
Liegt die Strasse, die bergab fhrt, an einen Steilhang, der unsere Krfte berfordet? Viellecht schaffen diesen Weg nur gebte Bergsteiger...
Der Weg, der uns zuvor als schnste StraSSe erschien... wird zur Gratwanderung mit rechts und links unbefestigen Hngen... Und die Drehezahl wird intensiver.
Uns wird langsam schlescht... zum Verrckt werden...
Die Wege der Bevlkerungen... menschliche Wege... Sie gehen mal parallel, mal kreuzen sie sich. Mal gehen sie in entgegensetzte Richtungen. Durch die Anderen lernen wir uns selber besser kennen. Streit, Namensruf von Schicksalen der Bevlkerungen, Schicksale der Nationen. Das alles wird zu einem Weg der Selbsterkenntnis der Persnlichket, der Gessellschaft, des Etnos.

Wie sie sehen, alle Materialen dieses Heftes sind wechselbeziehnd.
Lesen sie, denken sie nach.
Wir warten auf ihren Echo.

Alexander Apalkow. 

 

 

 

Tschischibabin Boris
(1923-1995), Dichter aus Charkiw.

(Zeitglas, 1, 1995, s.8-9)

 

Es leben ruhig Tag und Nchte
die ohne Schuld sich whnen moechten

Sie fhlen sich als Herr im Haus
und schlagen Reueworte aus.

Ja selbst Gedanken nur an Reue –
Entrstet werden sie sie scheuen,
Auf mich jedoch drckt schon allein
das Last von tausend Snden ein.

Es liegt auf mir, seit ich geboren,
der Fluch, dass gottlos wir geworden,
liegt Russlands Aufruhr, Bruderhass,
und Kummer ein gerttelt Mass.

Blut regnete auf uns hernieder,
halb Russland starb in jenem Kriege,
als jeder seinen Nchsten schlug,
fr immer klebt an mir dies Blut.

Deutsch von Frank Gbler.

 

 

Schelnberger Carl
(1949-2014), Autor aus Moenchen-Gladbach, BRD.

(Zeitglas, 25, 2003, s.7-14)

 

Von Westen her betrachtet
( Eine Retrospektive - Eine Vision)



Fach 1 Der Aufbruch nach der Demontage

Zersplitterte Erinnerungen an – ich glaube nur vier - Reisen in die Ukraine sind meine persnliche Gesichtsbeschreibung eines Landes und seiner Menschen. Gelesenes ber seine Geschichte, die Tagesnachrichten der unpersnlich, gleichsam abstrakt objektivierte Teil des Wissens um ein Land hinter dem Horizont der erlebten Zeitgeschichte. Und eine Unzahl von Gesprchen, gemeinsamen Sehens, Briefen sind Zeitglas, oder sage ich besser: Alexander A.?

Winter 1990. Die Welt, oder ein Teil von ihr feiert einen Aufbruch in eine Neue Zeit, der dann doch nicht stattfindet.
Revolutionen kippen das Glas um, fllen tun sie es selten. Wende wird als Wechsel verstanden. Was Neue Elite ist, wird von den schnellsten Schakalen und Krokodilen der Gesellschaft bestimmt. Ruber bestimmen das neue Gesicht. Die Bevlkerung – das „Volk“ – gewinnt nur langsam. Noch wartet es darauf. Unfair ist, dies der Revolution zum Vorwurf zu machen. Es ist Sache der Menschen. Ihre Sache. Und ohne Abbruch kein Neubau. Hat jemand geglaubt, das neue Haus wird mit Ali Babas Zauberstand gehext.? Und wenn, wessen Haus wre es dann, wessen Plne wren dann gebaut ( im zurckgebliebenen neuen Deutschland lsst sich die Fremdmbilierung gut bewundern, brigens ).

Kultur war lngst zu dem generiert, was sie nie sein sollte. Gtzendiener. Schneller vergessen als gebaut. Wie es immer leichter ist, das alte zu bertnchen fr den neuen Geist, als den neuen Geist in neue Werke zu giessen. Weil es eben immer mehr Anstreicher als Maler gibt. Kultur fand sich in der Weise wieder („Kulturraum“) wo es schon fter steckengeblieben war („Kulturtasche“).
Die Museen standen leer. Die Erinnerung entliess ihre Konservatoren.

Im Winter 1990 fand in Kiew ein Musikfest statt. Mit Tradition. Nun aber erstmalig mit Musikern aus der Welt hinter dem eisernen Horizont. Der das arrangiert hatte, hatte mich eingeladen. An Gesprchen dabei zu sein. Grosse Gedanken. Grosse Personen. Fokin, die Kulturministerin. Aufbruch und Beton. Ein Land am Beginn. Alles kann nur besser werden. Die Verbesserung ist gleichsam stndlich sprbar.

Fach 2 Die Demontage des Aufbruchs

Irgendwann im Jahre 1990-1991. Die Schritte werden kleiner. Dafr die Ideen konkreter. Ich reise mit Heinrich F., Grossschlachter aus Viersen. Nun erstmalig nach Kanew. Wieso Kanew? Zufall, weil ein alter Frontsoldat sich an das Land seiner Taten erinnerte. Helfen wollte, oder Geschfte machen – ich erinnere mich nicht mehr genau – und der kannte Heinz F. Und der kannte mich. Damals hatte die Verbindung mit Viersen schon begonnen – als humanitre Hilfe fr ein Kinderkrankenhaus. Kleinere Herren: die Brgermeister in Kanew / Tscherkassy-District.
Erinnerungen haften an dem Besuch in Dantes Inferno: Dampf, Stampfen, tsendes Klirrrren der Konserven, Gestalten mit Blut und Unschlitt – Todesblken der Rinder: der Schlachthof von Tscherkassy.
Erinnerung haftet an dem Tankwagen mit Rohsprit, der immer wieder gereinigt, gefiltert zu klarem Geistesverwirrer wird, der ausgelassene Schwermut und Verbrderung bringt. Und am Morgen bist Du noch trunken, aber klar und ohne Kopfschmerzen. Eine Allegorie ? Fr was ?
Die Mglichkeiten, einem Land zu helfen, bestehen nicht darin, Wohlstand zu exportieren, sondern Wohlstand im Land zu schaffen. Das braucht Handel, eigenes Produkt. Eigenen Stolz. Nachhaltige (welch schnes Wort) Entwicklung von Wohlstand. Heinz F. erfindet Adam Smith`s Idee der komparativen Kostenvorteile neu: und scheitert an der Brokratie der richtigherum bestempelten Papiere, dem Berge von Vorschriften, von allgegenwrtigen brokratischen Neins. Und an den europischen Normen des verhaltenen Neins, der vorsichtigen Einladung.

Die sprachliche usserung ist schwerer als geglaubt. Nher ist das Alte, das vor der toten Zeit, als das Neue. Eine Sprachlosigkeit verlangt den Zungenlser. Alexander ist unermdlich, unbeirrt. Gibt nicht auf. Und hat Recht damit. Zeitglas lebt, schafft jedes Jahr mit nur einem klitzkleinwenig Hilfe die nchsten zwei Nummern. Unbeirrt. Die neuen Texte werden mehr. Langsam, langsam spricht eine Nation wieder.

Fach 3 Die Irritation zurck-zufallen

Irgendwann auf meiner Dritten Reise fehlen mir viele Tage. Der Wodka? Ich schlafe mit meinem Freund Sadho in einem Zimmer mit fliessendem Wasser. Vor dem Fenster: auf dem Anlegesteiger der Raketa, die ber den Dnjepr nach Kiew fhrt. Die letzte langsam verrostende Errungenschaft. Herbst. Unser Taxifreund ist unermdlich.
Oder war er das auf der Reise vorher. Olga? Die kleine Freundin aus Charkow, dunkel, die ich nicht verstehen konnte, und sie mich nicht. Die zum Flughafen herausfuhr, nur um mir auf Wiedersehn zu sagen. Mehr Trume als Erinnerung. Der Jeep. Der Samovar.

Die Erwartungen an Produkte sind so unterschiedlich. Der Arbeitstisch wird mit einer Beule in der Tr, einem tiefen Kratzer auf der Tischplatte geliefert. Grosse Verwunderung, dass das dies ein Mangel sein soll: so sieht der Tisch doch nach vierzehn Tagen in der Fabrik ohnehin aus.
Auch Liefertreue, Termine, Planung ... die neuen Tugenden der universell verarbeitbaren Zeit: Alles verliert sich, die Partner, hoffnungsvoll gewonnen, werden mde, wenden sich ab. Der Quell verliert sich als Rinnsal im versandeten Bett.

Dafr wird die Zeitung immer schner. Und es kommen die ersten «Heftchen» dazu. Viel Mhe, viel Engagement.
Immer wieder kommt Alexander auf mich zu, kommt zu mir. Fordert nicht, aber steht einfach da und wnscht sich. Er und Irina. Kleine Schritte, aber stetig.
Ich beginne, Texte ins Deutsch zu setzen. Dabei stellt sich mit der Roh-bersetzung ein bestimmter «russischer“ Stil ein. Schwer zu beschreiben, diese kurzen harten Stze, diese Verniedlichungsformen. Ist das nun die werkgerechte bersetzung dessen, was der Schreiber sagen will, oder ist es nur die traditionelle Art, russische (oder eben auch ukrainische) Texte zu bersetzen? Macht es also Sinn, diese kurzen Stze, dieses Stakkato, dann diese «Brtchen“-Formen wrtlich «werkgerecht» zu bersetzen, oder ist ein freierer Angang, der eher den Erwartungen an Sprache entspricht, die wir zu bestimmten Aussagen heute haben, echter?
Trifft es den Gedanken eher. „ «er reisst ihr das Hndchen aus den Armen. gib her.“ oder „ «den Hund reisst er ihr aus den Hnden: gib schon her»
Wie erreicht man, dass das Empfinden dessen, der schreibrt, bei dem gleichwellig ankommt, der liest?

Fachl 4 Die Erinnerungen sollen verblassen

Die Reise zu A., in seine Wohnung, seine alte enge Wohnung noch. Seine Familie. Die Achtung, die ihm alle Leute entgegenbringen, jeder fragt ihn um Rat, jeder kennt ihn. Selbst der Pfarrer (der Pope) wartet gespannt, dass A. sich zu ihm wendet, ihn bemerkt. Erst dann kommt er ber die Strasse gegangen, A. zu begrssen. Alexandr will das alles nicht wahrhaben, fhlt keine Zuneigung, will das nicht sehen. Weicht er wem aus? Wem? Ich scherze: werde Brgermeister, mein Freund, lass uns in Deinem Kanew zeigen, was man ndern kann! Kann man was ndern, kann A. was ndern, kann ich was ndern?
Der Besuch im Museum der perversen Geschichtsklammerung: als wir noch gross waren. Wir. Mit den Mtzen tief ber die rasierten Ohren, ihren Orden, ihrem entschlossen dumpfen Blick. Unsere Ahnen einer bewundernswerteren Blutzeit.
Die Abende in den rtlichen Treffpunkten (nennt man sie Kneipe, Disko, Club?). Die Mdchen: Kannst Du mir helfen, nach Deutschland zu kommen? Kannst Du doch sicher? Was soll ich tun ? Was kann ich Dir geben? Und:Hast Du nicht etwas Geld fr mich? 100 Mark oder 1000 ? Die Gesprche ber unsere Zeitung. Unser ZeitGlas.

An die Stelle der Gesprche ber blinde konomischen Entwicklung ist der Versuch, das Brot nicht allein den Menschen macht, getreten. A. fhrt mit mir nach Kiew, wir besuchen junge Knstler – wunderschn weiche Farben mit traditionellen Malmuster malt eine junge Absolventin. Wir wollen sie fr ein Stipendium vormerken – dass sie dann ablehnt: ihre Familie lsst sie nicht. Die Stipediums-Idee: drei Monate in Deutschland zu malen, dabei Kontakte zu unseren jungen Knstlern zu finden, zu malen, das Land zu sehen – leider knnen wir sie noch nicht umsetzen, mssen sie verschieben.
Inzwischen hat die Zeitschrift ihre Form, ihr Publikum gefunden: unser ZeitGlas ist eine Einrichtung geworden. Neue Bnde erscheinen, wunderhbsche Kleinodien (A. wrde schreiben „Bndchen“). So schn, dass wir sie dringend dem deutschen Publikum zugnglich machen mssen: und da ist er wieder, der Wunsch, dessen Augen so gross, viel grssser als der Mund, der Magen, die Tat ist. Und so bleibe ich in der Schuld am Ende, nie so viel gemacht zu haben, wie ich htte machen sollen, machen mssen. Hab ich Dich so oft enttuscht, mein Freund, doch: bleib: ich denke viel an Dich, will viel fr Dich.
Letztes Fach Ukraine von Westen aus betrachtet

Von Westen aus gesehen hat die Ukraine als stlichster Teil des westlichen Abendlandes dies erst kennengelernt, als in Byzanz die Individualitt der klassischen Antike, eben das Abendland, lngst schon dem Byzantinismus (dieses persische Schmli ) erloschen war. Das Abendland als die Story von der Freiheit des Individuums, vom Selbstbestimmung-srecht, vom Genie war lngst nach Westen und Nordwesten gezogen, ehe die orientalische byzantinische Kirche in Kiew zur Orthodoxie fand.
Wenn irgendwo in Europa die Geschichte vom Glauben an die berlegenheit der Gruppe, des Vaterlands, des Bodens sich hielt, dann im von der Ukraine ausgehenden moskowiter russischen Reich. Die Zerstrung der Rechte des Einzelnen, der Glaube an die Anarchie als Grundlage der Gruppenregimes ist vielleicht russisch-asiatisch. Vom Abendland hat es nichts. Und wenn die Anarchie auch in den Philisophenstuben des Westens gezchtet wurde, hat sie wie der marxische Kommunismus seine wahre Verwirklichung nicht per Zufall, sondern per ratio historiae in Russland gefunden.
Und wer heute glaubt, diese Ukraine sei ein westliches Land, sollte sich seiner Definitionen sicher sein: Abendland ist es so wenig in seinem sozialen Glauben, seiner Geschichte und seiner Stimmung. Gebude und Lektionen sind eher ein Traum von Abendland – so etwas wie das Pariserische in Berlin.
Was nicht notwendig eine Antagonie zu seinem Wunsch zu Europa zu gehren, bedeutet: auch Peter der Grosse wie alle deutsch-russischen Kaiser haben Russland nach Europa fhren wollen, sich selber im Zwielicht ihrer Geschichte als europische kulturelle Sendbote nach Asien gewandt. Erfolgreich, wenn auch vielleicht fatal, den Rcken nach Europa gewandt.
Um so wertvoller scheint mir, den Spuren Europas in der Ukraine nachzugehen. Eben weil es so spannend ist, sich an den Grabungen nach dem abendlndischen Gemt dort an den Grenzmarken unseres ( «unseres?») Europas zu beteiligen.
Weil doch immer das Andere mehr ber uns selbst erklrt als das Gleiche.

In diesem Sinne will ich mir auch das Zeitglas vorstellen. Ein Lot in der Sprache.
Wenn sich das Zeitglas nun Zeitschrift fr Literatur, Kunst und Kultur nennt, so muss sie irgendwann Farbe bekennen, was sie sein will und wie sie sein will: offen im Beginn, suchend nach allen und allem was sich in Worte fand. Oft in vergangenen Schtzen whlend, der unverdorbenen Erde unter der verbrannten Schicht von siebzig Jahren. Taras Schewtschenkos Testaments-vollstrecker. Dann den aus dem Boden platzenden neuen Schreibern folgend.
Ich denke, Zeitglas ist auf dem Weg. Es mag sich entscheiden, ob es eine Zeitschriftt ber Literatur oder eine Zeitschrift fr Literatur ist. Oder «und».
Bei der bildenden Kunst fllt es schon schwerer, eine fr Kunst zu sein. Sprache interpretiert die bildhafte Kunst. Aber Zeitschrift fr Literatur kann Zeitschrift ber Literatur, kann Literturkritik sein: daran fehlt es uns bislang ganz in unserem Zeitglas.
Ich wnsche mir, das nach den feinen grnen Grsern der Literatur nun auch die nachdenklich gewundene Kritik-Clematis blht. Dass die Literaturkritik nchst hinter dem suchenden Schaffen herwchst, im Wildwuchs jtet, Schlingpflanzen zurckschneidet um Platz fr zukunftsvollere Entwicklungen zu schaffen.
Der Grtner, der viele Rosen im Gewchs gedeihen und wuchern lsst, dann aber auch beherzt schneidet und okuliert, wo er Spitzenleistungen reifen sieht. Und der doch mit sich handeln lsst, mal etwas stehen zu lassen, was er ausgejtet sehen mchte. Nicht diktatorisch, aber erklrt. Eine Kritik, die uns in der Sprache zusammenbringt, verbindet, verwurzelt.
Und dann wieder wnsche ich mir unser Zeitglas als Museion, das alles das darstellt, was es gibt, nicht wertet, ppig auch mal druckt, was ber die Zeit nicht dauert, Flle fr eigene Gedanken und Wnsche bietet. Nicht immer nur borniert nach dem Edlen sucht. Eine lustvoll gedankenvolle Wanderung durch die Literaturen, ein Schlendern durch die Vielfalt, ein Stbern an beschaulichen, aber auch an reissenden Stellen. Ohne Beckmessern und Onkelfinger einfach aufzeigen, was geschah.
Um danach, danach der Kritik, ihren Raum zur Interpretation geben. Nach Leitlinien zu forschen.
Und dann entsteht aus Literatur die Kunst und die Kultur. Und schauen wir einmal, ob sie wirklich so westlich ist, nur westlich sein will, oder aber einen Schritt weitergeht in die Grenzgebiete unserer abendlndischen Kultur.
Wir werden es im Zeitglas rinnen sehen.

zum 22. Mrz 2003

 

Bruslynovsky Evhen
*1962. Lebt in Kanew.

 

Zeitglas, 34, 2005, s.63)

 

BLACK BOX

Eine Black Box bin ich
Schwarz in schwarz
Schwarz und gar nicht schn
Schwarz und sogar abscheulich
Dafr bin ich im Unterschied zum Flugzeug

und den Passagieren ganz und gar unbeschdigt.

Deutsch von Alexander Apalkow

BLACK BOX

Am Himmel kreise ich. Weiss alles. Gib das Wissen aber erst her, wenn ihr alle tot seid. Und ich lebe.

Deutsch von Carl W. Schelnberger

 

 

Zaslawskaja Elena
*1977, Dichterin aus Lugansk.

(Zeitglas, 49, 2009, s.45)

EPIZENTRUM

Das Leben ist wertlos.
Dein Blick geht
durch ein Zielfernrohr,
der Blick ist hell
und wie ein Sto,
du nimmst das Ziel ins Visier.
Du bist das Epizentrum
des Todes.

***
Wre ich ein Kamikaze,
eine kleine Fliegge Augen,
und hrten wir uns
auf den Flgeln der Einsamkeit,
sprten wir:
der eine sieht
den andern im Traum,
jetzt und immerdar.


Deutschvon Martina Jakobson

 

 

Petrenko
*1959, Dichter aus Kiew.

(Zeitglas, 55, 2010, s.134)

der zwillinge von tschernobyl

ich bin
der zwillinge
von tschernobyl
nicht deswegen
da ich dort
gearbeitet habe
nicht deswegen
da ich
der zeitgenosse
des sperrgebiets
bin
nicht deswegen
da das bekannteste
kkw der welt
in der nhe
von meinem bett
liegt
ich wurde einfach
so
geboren

Deutsch vom Autor

 

 

Benedyschyn Luebow
*1964, Autorin lebt in Lviv-Gebiet.

(Zeitglas, 72, 2014, s.26)

 

Taras Schewtschenko

Es gab Ihn schon ewig.
So wie das Wort, das der
Uridee zugrunde gelegt ist.
Die Ukraine gab es da wahrscheinlich noch nicht,
Er aber war bereits fr sie auserkoren.
Gott der Herr steckte den Leidensweg der Heiligen Erde ab,
dagegen war das Herz wehrlos.
Er aber existierte schon – in ihrem Blut, in ihren Trnen,
in ihren Gebeten und ihren Flchen.
Als sie still in ihrer Not zugrunde ging,
von Verrat trunken gemacht, wie im Sarg eingeschlossen,
da wurde Er ihre Hoffnung,
ihre letzte Rettung.

Mtterlicher Qualen Energie!
Wie seit ewigen Zeiten die Handflchen gen Himmel erhoben,
lcheltest du unter Trnen,
weil du ihn schon in deinem Schoe fhltest.
Und Er erschien. Nicht als ein Gottmensch.
Gezeichnet war er von deinem Kummer,
um in deiner wiedererweckten Hoffnung
fr immer mit dir ein einheitliches Ganzes zu sein.
Er ist mit dir gewachsen. Er ist in dir gesprossen –
der Freiheit Geist, verwurzelt im Gedchtnis.
In dir ist Seine Strke und Gre.
In Ihm ist deine Hoffnung auf Rettung.

Deutsch von Helga Chomutina.

 

Malasch Olexandra
*1985, Dichterin aus Gebiet Kiew.

(Zeitglas, 81, 2017, s.124)

 

Den Akzent hast du auf Verse gesetzt.
Ich habe Verse berichtigt.
Du warst prinzipientreu –
deine Verse wurden gedruckt.
Ich aber hielt die Regeln ein,
meine nahm man nicht.
Ich zerkratzte dein Gesicht,
wischte das frische Blut an meinem Krper ab.
Du ertrugst es mit einem sanftmtigen Lcheln.
Es kam aber der Tag, an dem ich das orthographische Wrterbuch zum Fenster hinaus warf
und die Rechtschreibung im Ofen verbrannte.
Wir schaukelten uns hoch bis zum Rezidiv einer Seekrankheit.
Ich liebte dich mit allen Krften,
mit Akzenten und ohne...
Und ich begriff selber,
dass die Poesie nicht in Wrterbchern geboren wird.
Sie wird in solcher Art Schwingungen geboren,
in der Suche nach dem Gleichgewicht
zwischen oben und unten.
Und in den Versen, wenn in ihnen dein frisches Blut fliet, das meinen Krper durchtrnkt.

Deutsch von Helga Homutina.

 

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- -   " *Zeitglas"   :

 

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13 2019. 09 2017



         
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